Grinsende Affen, Kinder mit Bomben, knutschende Polizisten und Ratten mit Presslufthammern... Das sind einige Motive des britischen Street Artists Banksy.
Er hat mit Hilfe von aussagekräftigen Schablonen-Malereien jeder Form von Obrigkeit den Mittelfinger entgegengestreckt und seinen Teil dazu beigetragen, eine eigene, subversive Kunstrichtung zu schaffen. Der wohl prominenteste Vertreter der Street Art-Bewegung hat Wände in allen Metropolen der Welt bemalt - sogar die Mauer, die das palästinensische Westjordanland und Israel voneinander trennt.
Noch vor zehn Jahren hätte niemand gedacht, dass diese Form von urbaner Gestaltung einen Einfluß auf die Marketingwelt haben und eine treibende Kraft für Kampagnen werden könnte.
So verschieden die Welt der illegalen Straßenkunst und die der Brand Agenturen sein mögen, es haben sich so einige Synergien ergeben.
Subversiv?
Der aus Bristol stammenden Künstler hält seine Identität streng geheim - auf seiner Webseite findet sich eine Klausel, in der auf Copyright-Verletzungen hingewiesen wird. "Banksy hat noch nie Merchandise in Form von Kaffeetassen, Postkarten oder bedruckten Leinwänden verkauft," so die Klausel. Er sei auch nicht bei facebook, twitter oder myspace.
Doch das wird sich vielleicht bald ändern: Banksy hat seinen Namen als Marke registrieren lassen und will jetzt seine eigene Marketing-Maschine aufbauen. Er hat seinen Namen in 20 Kategorien als Handelsmarke eintragen lassen, wie Marketing Week berichtet - unter anderem für Produkte wie Tee, Kaffee, Bier, Farbe, Poster, Schablonen, Möbel und Spielzeug. Vielleicht ist das auch lediglich eine Kunstaktion?
Banksys Anonymität und sein mysteriöses Image haben ganz sicher viel zu seinem Erfolg beigetragen. Die Bilder des Künstlers werden auf Auktionen mittlerweile für mehrere Tausend Euro verkauft: Sie sind im Besitz von Stars wie Angelina Jolie, Brad Pitt, Kate Moss und der Familie des kürzlich verstorbenen Dennis Hopper.
Im Film "Exit Through the Gift Shop", der derzeit in den Kinos läuft, setzt sich der Brite mit seinem eigenen Mysterium auseinander und parodiert Kunst und Kommerz. Ist der Filmtitel vielleicht ein Hinweis darauf, dass er eigentlich doch schon immer Kaffeetassen verkaufen wollte?
Street Smart
Im Film kommt auch sein Mitstreiter Shepard Fairey zu Wort. Fairey stellt unter der Marke "Obey Giant" nicht nur Plakate und gedruckte Kunst, sondern auch Streetwear her.
Er begann seine Karriere in den 1990ern als Stick-up Artist in den USA: Er klebte riesige Poster, die er im Copy Shop herstellte, an Wände in New York und Umgebung. Sein erstes Motiv dient auch heute noch als Obey-Markenlogo - ein Profil vom Wrestler Andre the Giant. Anders als Banksy, scheut er sich nicht, in die Öffentlichkeit zu treten und bei Kampagnen mitzuwirken. Für die Präsidentschaftswahlen von Barack Obama entwarf Shepard Fairey 2008 ein Portrait vom heutigen Präsidenten mit der Unterschrift "Hope". Das ikonische Bild wurde zum Symbol des Wahlkampfs der Demokraten und wurde auch von Time Magazine als Cover benutzt.

Hingucker
Ein weiterer Befürworter von Kunst in der Werbung ist der New Yorker Kaws, dessen Illustrationen jüngst in einem Werbespot des mexikanischen Biers "Dos Equis" auftauchten. Aber nicht nur fertige Street Paintings können Aufsehen erregen und ein Hingucker sein. Auch die Produktion, das Live Painting, ist für die Öffentlichkeit spannend. In Berlin demonstrierten das die Künstler der Gruppe Innerfields, die aus dem Dunstkreis von Graffiti und Street Art stammen.
Im Herbst 2010 standen drei der Künstler eine Woche lang auf einer Hebebühne an der Friedrichstraße. Für Audi malte die Künstlergruppe Innerfields einen A7 auf einer 25 mal 10 Meter großen Fläche in der Nähe des Checkpoint Charlie. Dabei stoppten unzählige Passanten, knipsten Fotos des Werbeplakates und wurden so auf eine neue Art auf die Marke aufmerksam. Bisher ist das in dieser Größenordnung wohl einmalig.
Jakob Bardou von Innerfields sagt: "Street Art ist deshalb so interessant geworden, weil die Bilder und Worte Nachrichten und Botschaften auf ganz neue Weise transportieren können. Das haben wohl auch die Werbeleute erkannt und benutzen deshalb unsere Kunstform für Kampagnen."
Innerfields bekomme oft Anfragen für kommerzielle Projekte, sagt Bardou, aber es sei ihm und seinen Kollegen Veit Tempich und Holger Stumpf wichtig sich als Künstler in die Projekte einzubringen.
Künstler von Innerfields malen für Audi in Berlin
Parallelen?
Der Autor Damien Droney hat Street Art in LA mit Marketing in den USA verglichen und spricht sogar von eindeutigen Parallelen der beiden kreativen Disziplinen. Er meint, dass die urbane Kunstform wie auch Marketing sich viel mit Subversion und individueller Freiheit beschäftige. Droney sagt: "Ich habe festgestellt, dass Street Art viel mit Ironie spielt. Die Künstler sind sich dessen vollkommen bewusst und haben viel Spaß daran, diese Ironie bis auf die Spitze zu treiben. Gleichzeitig haben Marketer Spaß daran, mit subversiven Botschaften zu spielen und diese urbane Ästhetik aufzugreifen."
Droney sagt Street Artists navigieren klever zwischen ihrer eigenen Subkultur und der Marketingwelt indem sie für die Werbung andachtslose und widersprüchliche Bilder malen (hier zum Download des kompletten Artikels "The Business of Getting Up").
So haben es auch viele große Marken geschafft mit Sponsoring einen Fuß in die Türen vieler Hipster-Wohnungen zu bekommen. 2008 war Nissan zum Beispiel Sponsor einer Street Art Ausstellung in Londons Tate Modern. Die Automarke hat außerdem Street Art-Bilderwelten in den Werbespot für den Nissan Quashquai einfließen lassen.
Am deutlichsten wurde das Bündnis zwischen Marketing und Street Art bei einer Aktion von Ben Eine: Der Engländer bemalte im Auftrag der Agentur Mother London eine Wand in Shoreditch mit der stylisierten Typo "Pro".
Wie Shepard Fairey hat auch Ben Eine eine Verbindung zu Obama. Seine Leinwand mit dem Titel "Twentyfirst Century City" hängt jetzt im Weißen Haus. Der neu gewählte britische Premier David Cameron gab es Obama als Geschenk bei einer Reise zum Capitol Hill im Sommer 2010. Eine sagt mit einem Augenzwinkern über seine Mother London-Aktion: "Letztendlich ist Graffiti einfach nur eine sehr individuelle Form der Vermarktung. Man könnte denken 'Nicht ganz so cool, dass ein Underground Street Artist sich mit einer Werbeagentur einlässt', nicht wahr?"