Jan Kath kaufte 1997 seine erste Teppichmanufaktur in Katmandu und produziert seitdem ungewöhnliche Teppiche für das moderne Wohnen. Dabei sind die Muster und Designs von seinen Reisen durch alle Welt und Themen wie Erosion oder Vergänglichkeit inspiriert. Im Oktober eröffnet der aus Bochum stammende Teppichkenner einen Showroom in Berlin, im November folgt ein weiterer in Manhattan.
Kath arbeitet mit international renommierten Marken, Architekten, Designfirmen und Stars wie Anthony Kiedis von Red Hot Chilli Peppers zusammen. Seine Kreationen wurden unter anderem mit dem Red Dot Design Award, dem Carpet Design Award und dem Designpreis der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Dabei ist der 38-Jährige, der nie Design studiert hat, selbst ganz auf dem Teppich geblieben. Im Interview erzählt er mehr über Inspirationsquellen, die Renaissance des Teppichs und warum er Fußspuren hinterlassen will.
Erlebt der Teppich eine Renaissance? Wenn ja, warum?
Unbedingt! Ich würde sagen: Wir sind zurück auf dem Teppich! Viele Jahre spielten Teppiche kaum eine Rolle, die Architekten setzten eher auf nüchterne Hartfußböden aus Beton und Holz. Sehr cool aber leider auch sehr ungemütlich. Heute – vielleicht auch, weil in der Welt da draußen so vieles drunter und drüber geht – sehen sich die Menschen zu Hause nach einer warmen Hülle, in der sie sich wohlfühlen. Ein moderner Teppich wärmt die Atmosphäre ein bisschen auf, ohne den Wohnbereich zu überfrachten.
Was sind deine Inspirationsquellen?
Ich komme aus Bochum, bin ein Kind des Ruhrgebiets habe dort auf den großen Industrieruinen gespielt. Die Ästhetik der alten Zechen und der verwilderten Brachen haben Eindruck hinterlassen. In meinen Kollektionen „Erased Classic“ und „Rug Evolution“ spiele ich mich der Zerstörung von klassischen Designs. Die Muster wirken wie abgewetzt, ausradiert, verwittert – solche Oberflächenstrukturen findet man oft in den Ruinen, wo ich heute übrigens meine Teppiche für die Kataloge fotografieren lasse. Aber „Erased“ ist nur eine unserer Handschriften. In einer neuen Kollektion für 2012 befasse ich mich zum Beispiel mit dem Thema Sibirien. Dafür habe ich mir die Mode sibirischer Frauen angeguckt, die ganz weit im Osten in ihren einfachen Hütten leben.
Welche Materialien benutzt Du für Deine Designs und wie werden sie verarbeitetet?
Wir arbeiten grundsätzlich immer mit den Materialien, die in den jeweiligen Produktionsländern traditionell zur Verfügung stehen. Wenn wir zum Beispiel in Nepal sind, arbeiten wir mit Wolle aus dem Hochland des Himalaya. Das Material wird mit der Hand gekämmt, versponnen und geknüpft. Im Grunde werden alle alten Prozesse wie vor 300 oder 400 Jahren durchgespielt. Und das ist Grundlage für die Qualität und auch für das visuelle Erscheinungsbild unserer Ware. Wir arbeiten nicht nur mit Wolle - ein großer Anteil ist auch Brennnessel, Hanf oder Leinen.
Du hast nie Design studiert. Wie kamst Du dazu, Teppiche zu kreieren?
Schon mein Großvater und nach ihm meine Eltern hatten einen Handel für klassische Orientteppiche. Ich bin quasi auf dem Teppich groß geworden und habe meinen Vater schon als Kind nach Iran oder Nepal begleitet. Trotzdem wollte ich nach der Schule mit dem Geschäft eigentlich nichts zu tun haben. Mit 20 bin ich zu einer Weltreise aufgebrochen. Mit kleiner Tasche und in Flipflops war ich monatelang in Indien unterwegs und landete irgendwann in Nepal. Meine Reisekasse zwar ziemlich leer. In Katmandu traf ich zufällig einen alten Lieferanten meines Vaters. Der bot mir an, für ihn in der Qualitätskontrolle zu arbeiten. Als er wenig später in Rente ging, fragte er mich, ob sich seine Produktionsstätten übernehmen wolle. Ich habe spontan ja gesagt und war plötzlich mit Anfang 20 auf einmal verantwortlich für 600 Leute. Irgendwann hatte ich das Bedürfnis, etwas Besonderes zu machen und habe erste eigene Designs kreiert. Im ‚Trial-and Error-Verfahren’ habe ich meine Handschriften entwickelt. Heute sind wir Trendsetter, die den internationalen Markt nach vorne pushen.
Mit welchen großen Marken hast Du bisher zusammengearbeitet?
Zuletzt mit Walter Knoll Möbel, die eine eigne Teppichkollektion auf den Markt gebracht haben. Wir haben die Designs gemeinsam entwickelt und sind auch für Produktion und Logistik verantwortlich. Außerdem arbeiten wir für eine der größten und bedeutendsten französischen Luxusmarken, deren Showrooms wir weltweit betreuen, für Hugo Boss, Tiffany’s, MS Home und einige andere.
Deine Marke, wie würdest Du sie beschreiben?
Wir sind eine sehr proaktive Marke, die hungrig nach Erfahrung ist und hungrig darauf, die Welt zu erobern. Wir machen ungefähr 15 bis 20 Prozent Umsatz im deutschsprachigen Raum. China ist für uns ein riesiger Wachstumsmarkt und am 10. November eröffnen wir unseren nächsten Showroom in New York, nachdem wir den letzten gerade erst in der Brunnenstraße 3 in Berlin-Mitte eröffnet haben.
Deine Designs können individuell nach Kundenwünschen verändert werden. Einer deiner Kunden ist zum Beispiel Anthony Kiedis von den RHCP? Wie lief da die Zusammenarbeit?
Kiedis war in Australien unterwegs und hatte dort meine Teppiche gesehen. Er fand ein spezielles Design gut, das er gern in seinem Haus auf Hawaii haben wollte. Kurzerhand hat er zum Telefon gegriffen und bei uns angerufen. Unsere Kunden können Farbe, Größe, Material, Knotendichte selber bestimmen. Anhand dieser Wünsche fertigen wir Zeichnung an und produzieren gegebenenfalls eine Musterecke, wo die Farben und Materialien in echt gezeigt werden. So ähnlich war das auch mit Anthony Kiedis.
Bei Möbeln ist es oft so, das runde Formen auf Kunden ansprechender wirken als eckige. Gibt es bei Teppichen oder speziell bei Deinen Teppichen auch solche Prinzipien?
Für mich gilt - da bin ein bisschen wertkonservativ - dass speziell handgeknüpfte Teppiche immer rechteckig sein sollten. Der goldene Schnitt ist mein Ding. Alle anderen Formen – rund, Banane oder oval - werden hinterher künstlich geschnitten und das ist aus meiner Sicht schon fast eine „Vergewaltigung“ des Materials. Außerdem tut auch der Statik des Teppichs nicht gut.
Wie steht es mit Deiner eigenen Liebe zu Teppichen? Hast Du zuhause eine Sammlung?
Ich wohne direkt neben unserem Showroom in einem alten, umgebauten Industrieloft. In meinem Wohnzimmer habe ich eine Schießscharte, durch die ich von oben in die 2000 Quadratmeter hohe Halle und viele meiner Teppiche sehen kann. Allerdings gibt es in meiner Wohnung nur zwei, drei Teppiche und keiner von denen ist von mir.
Was wünschst Du Dir für die nächsten fünf Jahre?
Ich möchte mit meinen Designs Fußspuren in der Teppich-Industrie hinterlassen, weiter international präsent sein und unser Geschäft ausbauen. Den amerikanischen Markt beobachten wir und wollen ihn eventuell ausbauen. China interessiert mich und wir überlegen, nächstes Jahr nach Shanghai zu gehen. Grundsätzlich interessiert mich Asien nicht nur als Produktionsstätte, sondern auch als spannender Zukunfts-Markt.