Jonathan Imme, 26, ist einer der drei Gründer der Agentur 'until we see new land'. Was dort gemacht wird? Der Name lässt es vermuten. In Innovationscamps bringen Imme und seine Partner Multiplikatoren und Opinion Leader aus verschiedenen Disziplinen zusammen, überzeugen die Teilnehmer, für sechs Wochen zusammen zu wohnen und Ideen zu entwickeln – bis sie neues Land sehen.
Ihr erstes Innovationscamp führte das Kreativ-Trio zusammen mit der Telekom durch. Das Camp nannte sich Palomar5 und Ziel war, ein Prototyp-Modell zu entwickeln, das zeigt, wie wir in Zukunft arbeiten wollen.
Darüber, und welche neuen Ufer er noch entdecken will, haben wir mit Jonathan Imme gesprochen.
Was genau macht ihr bei 'until we see new land“?
Wir haben uns eigentlich darauf kapriziert, Innovationscamps zu gestalten. Unter Camp kann man sich eine Art sehr langen Workshop vorstellen, in dem wir kuratiert junge Menschen aus verschiedenen Disziplinen zu einem bestimmten Thema zusammen bringen und die in einem sehr intensiven, fast kommunenartigen Kontext miteinander leben lassen.
Jedes Innovationscamp hat ein Oberthema. Entweder stellen wir das Thema und suchen uns dafür einen Partner oder ein Partner kommt auf uns zu. Dann überlegen wir, ob wir für die Generation zwischen 20 und 30 Jahren mit der Bearbeitung des Themas einen Mehrwert schaffen und ob es für sie eine gewisse gesellschaftliche Relevanz hat.
Woher kommt die Idee mit dem Kommunencharakter?
Als ich noch für Medienkonzerne gearbeitet habe, habe ich gemerkt, dass alles eigentlich Spannende - auch für die Firma den größten Gewinn bringende - außerhalb der Arbeitszeit und abseits des Arbeitsortes passiert.
Ich bin immer mal wieder mit einer bunten Truppe aus Grafikenr, Musikern und Journalisten auf Kurztrips gefahren, auf denen wir auch Arbeitsthemen besprochen haben. Wir haben gemerkt, dass man in räumlich konzentrierten Lagern einfach sehr viel machen kann. Da spielt auch ein bisschen diese Online-Denke mit rein, das kollaborative „Hier-mal-ein-bisschen-was-dazufügen-und-da-mal-ein-bisschen-was-machen“.
Dann haben wir eben beschlossen, das mal in einem ersten Prototypen groß und lange auszuprobieren. Was passiert eigentlich, wenn man das mehrere Wochen mit Leuten macht, die sich vorher nicht kennen – komplett interdisziplinär und interkulturell? So ist im Prinzip das erste Pilot-Projekt mit der Telekom entstanden. Das Telekom-Projekt lief über sechs Wochen. Jetzt planen wir wieder eins in der gleichen Länge zum Thema „Digitale Technologie, die wirklich fehlt“, zusammen mit der Cebit.
Ging das von eurer Initiative aus?
Das Thema kam eigentlich von uns. Wir haben uns im Prinzip zufällig getroffen und wir haben uns gefragt, warum die Marke Cebit, die sich eigentlich als Kommunikationsplattform rund um Technologien versteht, einen Riesenbohai für fünf Tage macht und dann alles wieder abbaut.
Ein Multi-Millionenprojekt - warum ist das nur fünf Tage im Jahr? Die gleiche Frage kursierte zumindest auch in manchen Köpfen bei der Cebit.
Kannst du Näheres zum Thema „Digitale Technologie, die wirklich fehlt“ sagen?
Dazu gibt es drei Unterkategorien, zu denen Ideen und Projekte gestartet werden können. Im ersten Thementanker geht es darum, Produktivität im Arbeitsalltag zu erhöhen, im zweiten, generell den spielerischen Charakter im Leben zu steigern. Der dritte Tanker ist - im weitesten Sinne - die Rettet-die-Welt-Fraktion.
Habe ich zum Beispiel im ersten Tanker eine Technologie entwickelt, sagen wir eine Optimierung des Emailverkehrs, dann kommen jetzt die Kollegen aus dem zweiten Lager und machen ihren Realitycheck und sagen „Ja, das ist ja schön, das das effektiv ist, aber macht es auch Spaß in der Anwendung?“ Dann kommen die Kollegen aus der Heile-Welt-Fraktion und sagen „Was macht das eigentlich auf der Metaebene, gibt es auf Grund dieses Technologieeinsatzes einen Mehrwert für die Gesellschaft?“
So stehen wir dann am Ende hoffentlich mit ein paar Projektskizzen und Prototypen da, die das Thema digitale Technologien ein bisschen holistischer verstehen.
Gibt es vom Telekom-Projekt etwas, das konkret implementiert wurde?
Die Telekom hat einige Projekte als externer Partner unterstützt, im weitesten Sinne als Investor.
Das ist ein Projekt, bei dem man eigentlich denkt, es liefe entgegen gesetzt der Geschäftslogik. Es geht darum, ein Modell zu finden, über ein Satellitennetz die komplette Weltbevölkerung kostenlos mit Internet einer bestimmten Mindestbandbreite zu versorgen, wobei die Telekom das Internet doch eigentlich monetarisieren will.
Das Business-Modell macht auf den zweiten Blick aber Sinn. Man gewöhnt eine Gesellschaft an die Technologie und wenn sich dadurch bedingt ein gewisses Wirtschaftswachstum einstellt, bietet man eine schnellere Version an, die bezahlt werden muss.
Was nach den Camps direkt implementiert wird, ist schwer zu messen. Die Antworten ehemaliger Teilnehmer sind sehr unterschiedlich. Manche haben alles nach 48 Stunden schon wieder vergessen. Andere haben sich immer wieder an einzelne Elemente und Schlüsselerlebnisse erinnert und gesagt, ja ich probier immer wieder zu sagen, „Hey, das haben wir im Camp so und so gemacht und da hat es funktioniert - warum können wir das nicht transferieren?“ Es hängt extrem von den Personen ab und wie offen die für so etwas sind.
Wir können nicht versprechen, dass am Ende eines Camps eine bestimmte Anzahl Erfahrungen stehen, die dann wiederum in konkrete Produkte transformiert werden können. Wir können nur Inspirationsmasse schaffen.